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DIE ENKEL – IHR STOLZ
 
Menschenschicksale
 
Als vor fünf Jahren ihr Ehemann verschied, folgte Irma Asselborn dem Vorschlag ihrer Tochter Klara und zog zu ihr. Die sechsköpfige Familie suchte gerade eine geräumigere Wohnung, in der alle Platz hätten und die nicht so teuer wäre. Nun sollte noch ein Familienmitglied hinzukommen. Eine große Wohnung zu finden ist nicht einfach. Die meisten Vermieter meiden Großfamilien, zudem waren die Wiegels (so heißt jetzt Irmas Tochter), ungeachtet der Erwerbstätigkeit der Eltern, knapp bei Kasse. Also kam eine Wohnung nur auf dem Lande in Frage, aber sie durfte nicht so weit von der Stadt sein, denn in der Familie wird großen Wert auf Studium und Ausbildung gelegt. Nach einigem hin und her wechselten sie nur die Wohnung und blieben in Calden in der Nähe des Flughafens Kassel.
 
In der neuen Sechsraumwohnung, die sich auf zwei Ebenen befindet, konnte sich von nun an  jeder in sein, wenn auch kleines Zimmer zurückziehen. Im geräumigen Wohnzimmer haben auf einem großen Tisch der Fernseher und der Computer Platz gefunden. Da es diese Geräte nur einmal gibt, wird abgestimmt, welches Programm eingeschaltet werden soll und an den Computer setzt sich derjenige, der ihn zur gegebenen Zeit am nötigsten braucht. Damit alles mehr oder weniger reibungslos im Hause Wiegel abläuft, sorgt Klara, die Mutter der vier Kinder. Die gelernte Konditorin ist halbtags als Raumpflegerin in einem Wohnheim der Baunataler Werkstätten tätig. Morgens bring sie mit Ehemann Viktor, der in der Firma RI-AN-PLAST für die Fenstermontage zuständig ist, mit zwei Gebrauchtwagen die Kinder zur Haltestelle und eilen zur Arbeit. Waldemar, ihr ältester Sohn studiert Informatik, macht jetzt sein halbjähriges Praktikum bei der Telecom in Darmstadt und muss anschließend noch zwei Semester studieren. Die 22-jährige Klara studiert NANO- Strukturwissenschaft mit Schwerpunkt Chemie Mit der Tochter hatte die Familie nach der Einreise große Schwierigkeiten. Das sechsjährige Kind wollte man weder im Kindergarten noch in der Schule wegen der mangelnden Deutschkenntnisse haben. Doch die Mutter ließ nicht locker, lief von Pontius zu Pilatus, klopfte an sämtlichen Türen an, bis man sich ihrer erbarmte und die Kleine einschulte. Wie richtig die Frau gehandelt hat, ist heute zu ersehen. Friedrich, das dritte Kind der Familie, hat mit neuzehn Jahren die Ausbildung als kaufmännischer Assistent im Web-Design beendet und will Informatik studieren. Das Nesthäkchen Martina (17) ist in einem  Jahr mit ihrer Ausbildung als Bürokauffrau fertig.
 
Auch das älteste Familienmitglied legt die Hände nicht in den Schoß, sie hilft nach Kräften im Haushalt mit, räumt die Wasch -und Spülmaschinen ein und aus, bügelt die Wäsche und nimmt die Telefonate an, bis die Tochter von der Arbeit kommt, denn am Abend wollen alle wieder zu Hause sein. In ihrem Schlafzimmer hat sie eine Ecke  ihren Enkeln gewidmet. Die Fotos stellen sie zu verschiedenen Zeiten dar. Und Irma ist stolz nicht nur auf Klaras Kinder. Auch Eugen, der Sohn von Klemens, studiert an der Uni Karlsruhe. Die Tochter von Adolf bekommt im Dezember das Diplom einer Kindererzieherin, sein Sohn studiert Chemie in Darmstadt. Friedrichs Kinder sind etwas älter und arbeiten schon. Alexander, 29, berät die Mitarbeiter der Banken, ist Risiko- Management. Ina hatte Architektur an der Uni Kassel studiert und arbeitet bei einer Firma, die ihre Büros in Stuttgart und London hat. Seine jüngste Tochter studiert Psychologie. Auch über die Kinder ihres jüngsten Sohnes spricht die Oma mit Liebe. Johannes ist als Bühnenbauer am Stadttheater tätig und ist vor kurzem Vater des dritten Kindes geworden.
Wenn Irma über ihre Enkel spricht, leuchten ihr die Augen, denn sie ist sehr zufrieden, dass sie die Möglichkeit haben zu studieren, sich nach ihren Fähigkeiten zu entwickeln und die Welt zu sehen. Ja, sie bekommen alle BAföG, wissen, dass sie schon Schulden haben, sind aber voller Zuversicht, dass sie Arbeit finden und die Schulden abzahlen werden. Die Oma glaubt auch daran. Auch ihr hatte das Lernen Spaß gemacht, nur war ihr, einer Kulakentochter, keine höhere Schule beschieden. In dem Ort in Tadshikistan, wohin ihre Eltern sowie die ihres künftigen Mannes 1936 nach Enteignung und Folterung deportiert wurden, gab es nur eine Grundschule. "Für die Kinder der Volksfeinde genügt das" so lautete die Losung der Machthaber. Dafür musste sie schon mit vierzehn Jahren die verschiedensten Arbeiten in der Kolchose verrichten. Erst 1970 (inzwischen war sie Mutter von fünf Kindern) bekam sie eine Stelle als Putzfrau in der Schule. Zehn Jahre hat sie diese Arbeit verrichtet, dann folgten die Asselborns den Kindern ins Wolgagebiet. Sie hatte Glück, dass sie auch im neuen Ort, in Petrow Wal eine Stelle in der Schule fand und arbeitete dort bis zur Ausreise.
Der Tag ging schon zur Neige, als Irma mit ihrer Lebensgeschichte fertig war und wir stiegen die Treppe hinunter, denn in der geräumigen Küche, die gleichzeitig als Esszimmer für die große Familie dient, war der Tisch gedeckt. Die kleine zierliche Frau nahm im Kreise ihrer Lieben Platz und lächelte alle liebevoll an.
Der nächste Tag war Muttertag. Beiden Damen wurde aufs herzlichste gratuliert. Beeindruckt von der Lebensweise und der Einstellung auf die Schwierigkeiten im neuen Land, verließ ich die Calden. Auch dieser Familie wurde nichts in den Schoß gelegt, aber sie hatten sich ein Ziel gesteckt, das sie erreichen können und gehen ungeachtet der Hürden auf das Ziel zu.
 
 
Emma Rische
 
 
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